Ein außergewöhnliches Jahr

1968 gehört zweifellos zu jenen Jahren, die auch heute noch immer wieder eine Rolle spielen. In Deutschland mag man dann an die Studentenbewegung oder die Außerparlamentarische Opposition denken. Darüber hinaus gab es aber weltweit zahlreiche gesellschaftliche Entwicklungen, die bis heute Anlass zur Diskussion liefern. So war das Jahr 1968 in den USA maßgeblich von Rassenunruhen und dem grausamen Vietnamkrieg geprägt. Im April des Jahres wurde zudem der Anführer der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, Martin Luther King, ermordet. Kurz darauf wurde auch noch der Bruder des ebenfalls ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy erschossen. Kurzum: 1968 war ein Jahr, das in den USA unter einem extrem schlechten Stern zu stehen schien.

Was sich aber zum Jahresende anbahnte, hätte Hollywood nicht besser planen können: mit der Apollo 8 Mission schickte die Erde erstmals Menschen zu einem anderen Himmelskörper, zum Mond.

Eine schwierige Ausgangssituation

Zu der Zeit stand aber auch das Apollo Programm der amerikanischen Weltraumbehörde NASA unter keinem guten Stern. Bei den Vorbereitungen zur Apollo 1 Mission verbrannten die

In der Raumkapsel von Apollo 1 verbrannten drei Astronauten. Dieser Unfall hätte beinahe zur vorzeitigen Beendung des Apollo-Programms geführt. Foto: NASA / JPL

Astronauten Ed White, Gus Grissom und Roger Chaffee. Im Training für ihre Raumflüge starben weitere Astronauten der NASA. Erst mit Apollo 7 startete im Oktober 1968 die erste Astronautencrew des Mondprogramms erfolgreich ins Weltall.

Die NASA stand aber nicht nur unter dem Druck, wie von Präsident Kennedy verlangt, vor Ablauf des Jahrzehntes Menschen sicher auf den Mond und zurück zu bringen. Parallel zum Apollo-Programm der USA arbeitete auch die Sowjetunion an der Mondlandung. Seinen Höhepunkt erreichte dieser Wettlauf zum Mond bereits Ende 1968.

Während es bei der Apollo 7 Mission um den Test der Apollo-Raumkapsel im Erdorbit ging, sollte mit Apollo 8 erstmals die Mondlandefähre unter Weltraumbedingungen getestet werden. Zur Sicherheit sollte dieser Test aber in einem niedrigen Erdorbit und ganz ohne Mond stattfinden. Die Mondlandefähre war zur damaligen Zeit das fortschrittlichste Fluginstrument der Welt und mit einer Unmenge moderner und anfälliger Technik ausgestattet. Eben diese anfällige Technik sorgte aber dafür, dass die Mondlandefähre zum Start von Apollo 8 noch nicht einsatzbereit war. Zudem meldete der amerikanische Geheimdienst auch noch, die Russen würden ihrerseits gerade einen bemannten Flug zum Mond noch vor Ende des Jahres 1968 planen.

 Eine gewagte Mission

So sollte die Mondlandung gelingen: Der bekannte deutsche Raketeningenieur Wernher von Braun legte für die NASA das Konzept zur Mondlandung fest. Um drei Astronauten zum Mond zu bringen, brauchte man zunächst die größte und leistungsstärkste Rakete der Welt, die Saturn V Rakete. Mit ihr wurden gleich zwei Raumschiffe gestartet: zum einen das Kommandomodul, in dem die Astronauten zum Mond und wieder zurück zur Erde reisten, und zum anderen die Mondlandefähre, mit der zwei Astronauten auf der Mondoberfläche landen und wieder zurück zum Kommandomodul starten konnten. Bei Apollo 8 sollte ursprünglich die Mondlandefähre getestet werden. Aufgrund von technischen Problemen verzichtete man aber darauf und schickte die Kommandokapsel alleine zum Mond. Foto: NASA / JPL

Man entschied sich daher kurzerhand, den Flugplan über Bord zu werfen und eine neue Mission zu entwerfen. Mit Apollo 8 sollten nun erstmals Menschen zum Mond fliegen.

„Es war an der Zeit, den Stier bei den Hörnern zu packen“, sagte der Apollo 8 und Apollo 13 Astronaut James Lovell später einmal über seinen ersten Mondflug. Tatsächlich war diese Mission die wohl gefährlichste Unternehmung, die die NASA bis dahin gemacht hatte. Am Mond angekommen, sollten die drei Astronauten mit ihrer Kommandokapsel in eine Umlaufbahn einschwenken und den Mond mehrfach umkreisen, bevor es wieder zurück zur Erde ging. Hätte bei diesem Unterfangen ein Triebwerk oder gar die ganze Raumkapsel versagt, wären die Astronauten bei ihrer historischen Reise gestorben. Eine Mondlandefähre als „Rettungsboot“, wie bei Apollo 13, hatte man nicht dabei, und auch eine Rettungsmission von der Erde aus, drei Flugtage vom Mond entfernt, wäre illusorisch gewesen. Die Astronauten würden bei dieser gefährlichen Reise auf sich gestellt sein.

Apollo 8 startete am 21. Dezember 1968 mit den drei Astronauten William Anders, James Lovell und Frank Borman zum Mond. Die mächtige Saturn V Mondrakete hatte sie auf knapp 11 Kilometer pro Sekunde beschleunigt und damit die Erdanziehungskraft überwunden. Apollo 8 war auf dem Weg zum Mond.

Am Morgen des 24. Dezember erreichte das Raumschiff mit den drei Astronauten den Mond. Nach einer kurzen Triebwerkszündung schwenkte das Raumschiff auf eine Mondumlaufbahn ein. Kurze Zeit später konnten die Astronauten als erste Menschen überhaupt mit ihren eigenen Augen die Rückseite des Mondes betrachten.

 Earthrise – Der Erdaufgang

Als sich die Astronauten auf der Rückseite des Mondes befanden, waren sie von der restlichen Welt komplett abgeschnitten. Normalerweise wurden rund um die Uhr Daten zwischen der Raumkapsel und den Bodenstationen ausgetauscht. Die Erde war aber auf der Rückseite des Mondes nicht zu sehen und damit auch kein Funkkontakt möglich. Erst als ihre Umlaufbahn sie wieder auf die Vorderseite des Mondes brachte, konnten sie wieder Funkkontakt zur Erde aufbauen. Was sie in diesem Moment zu hören bekamen, war aber weit weniger eindrucksvoll als das, was sie von ihrem Fenster aus erspähen konnten. Vor den Augen der Astronauten ging die Erde über der Mondoberfläche auf – ein traumhafter Anblick.

Earthrise – Die aufgehende Erde über dem Mond: Vielleicht das bedeutendste Foto der Menschheitsgeschichte: Earthrise – Die aufgehende Erde über dem Mond. Foto: NASA / JPL

Dieser sollte auch gleich im Bild festgehalten werden. Obwohl Fotos laut Flugplan nicht vorgesehen waren, hielt William Anders diesen Moment auf einem Farbfilm fest. Es war ein Foto, das Geschichte schrieb.

 

 Der Heilige Abend 1968

Bei den Apollo Missionen kam die für damalige Zeit modernste Technik zum Einsatz. So war es u.a. möglich, sogar Livesendungen aus den Raumschiffen zur Erde zu übertragen. Somit sorgte Apollo 8 auch für die erste Fernsehübertragung aus dem Mondorbit. Da diese am Heiligen Abend des Jahres 1968 stattfand, verbanden die drei Astronauten ihre historische Sendung auch mit eindrucksvollen Bildern und besonderen Worten. Borman, Lovell und Anders zeigten den Erdenbürgern ein Livebild ihres Heimatplaneten und lasen aus der biblischen Schöpfungsgeschichte vor. Ihr Gruß an die Menschheit lautete wie folgt:

Bill Anders:

„Wir nähern uns nun dem lunaren Sonnenaufgang. Und für alle Menschen unten auf der Erde hat die Besatzung der Apollo 8 eine Botschaft, die wir euch senden möchten: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war

Die legendäre Crew von Apollo 8 (v.l.n.r.): James A. Lovell Jr., William A. Anders und Frank Borman. Foto: NASA / JPL

finster auf der Tiefe. Der Geist Gottes schwebte über dem Wasser, und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war, und Gott teilte das Licht von der Dunkelheit.“

Jim Lovell:

„Und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag. Und Gott sprach: Es werde ein Gewölbe zwischen den Wassern, das da scheide zwischen den Wassern. Da machte Gott das Gewölbe und schied das Wasser unter dem Gewölbe von dem Wasser über dem Gewölbe. Und es geschah also. Und Gott nannte das Gewölbe Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag.“

Frank Borman:

„Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Stellen. Lass trockenes Land erscheinen. Und so geschah es. Und Gott nannte das trockene Land Erde und die Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, dass es gut war. Und von der Besatzung der Apollo 8: Wir schließen mit einem Gute Nacht, Viel Glück, fröhliche Weihnachten und Gott segne euch alle – euch alle auf der guten Erde.“

Blick von Apollo 8 zur Erde. Foto: NASA / JPL

Rund eine Milliarde Menschen verfolgte diese Livesendung, was fast einem Drittel der damaligen Weltbevölkerung entsprach. In der Geschichte der Menschheit war eine solche Anteilnahme bis dahin beispiellos. Apollo 8 hat auf dem Weg zum Mond den ersten großen Meilenstein erreicht und dazu beigetragen, den Weg für Neil Armstrong und einigen weiteren Missionen zum Mond zu ebnen. Nur Apollo 11 mit der Mondlandung und Apollo 13 mit dem „erfolgreichen Fehlschlag“ haben wieder so große mediale Aufmerksamkeit erhalten.

Während die Namen der Apollo 8 Astronauten heute nur noch wenigen Menschen bekannt sind, bleibt vor allem das eine Foto, welches William Anders schoss. Die aufgehende Erde über dem Mond ist für viele Menschen auch heute noch das eindrucksvollste Bild, das je vom Weltall von einem Menschen gemacht wurde. Manche bezeichnen dieses Bild sogar als Sinnbild für die globale Umweltbewegung.

Welche Bedeutung man diesem Bild auch zusprechen möchte, es waren drei Astronauten, die in schwierigen Zeiten und unter Einsatz ihres Lebens Außergewöhnliches vollbracht haben. Apollo 8 hat sich in die Geschichtsbücher eingetragen und, wie manch anderes Geschehen aus dem Jahr 1968, wirken diese Ereignisse während des Weihnachtsfestes 1968 bis heute nach.

Für die Astronauten war es wohl die Reise ihres Lebens. Neben zahlreichen Glückwünschen erhielten sie auf dem Rückweg auch ein Telegramm, auf dem stand: „Danke Apollo 8. Sie haben das Jahr 1968 gerettet.“

 

Autor: Marco Ludwig, Leiter der vhs-Sternwarte Neumünster

Bildmaterial: NASA / JPL

 

Nebenbei bemerkt:

Der Weihnachtsgruß der Apollo

Edwin „Buzz“ Aldrin betrat als zweiter Mann, wenige Minuten nach Neil Armstrong, die Mondoberfläche. Foto: NASA / JPL

8 Crew hatte tatsächlich ein juristisches Nachspiel. Die NASA wurde verklagt, da ein Kläger die Trennung zwischen Kirche und Staat anmahnte. Die Klage wurde zwar abgewiesen, aber künftig wurde auf religiöse Äußerungen verzichtet.

So wurde erst Jahre nach der ersten Mondlandung von Neil Armstrong und Edwin Aldrin bekannt, dass Aldrin kurz nach der Landung auch die erste religiöse Handlung auf dem Mond vollzog. Mit einem echten Schluck Wein führte er das christliche Abendmahl durch und dankte Gott für das Gelingen der Landung. Dabei sprach er folgende Worte aus der Bibel: Johannes 15,5: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viele Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Zufällig handelt es sich bei diesem Vers um den Konfirmationsspruch des Autors dieses Textes.

 

Zum Autor:

Marco Ludwig, geboren am 09.12.1982 in Hamburg, ist Studienrat am Berufsbildungszentrum an Nord-Ostsee-Kanal. Seit 2008 leitet er ehrenamtlich die vhs-Sternwarte Neumünster. Seine Interessenschwerpunkte bei der Astrofotografie, Astronomie im Unterricht und Raumfahrtgeschichte.

Ludwig war zudem zehn Jahre Mitglied des Kirchengemeinderates der ev.-luth. Vicelinkirchengemeinde Neumünster sowie Mitglied der Kirchenkreissynode Neumünster.

 

Quellen:

-Jesco von Puttkamer: Apollo 8, Aufbruch ins All. Heyne-Verlag, München, 1969.

– Jesco von Puttkamer:Abenteuer Apollo 11: Von der Mondlandung zur Erkundung des Mars.

Herbig-Verlag, München, 2009.

– From the Earth to the Moon, HBO TV-Serie, 1998

https://de.wikipedia.org/wiki/Apollo_8

  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •